Predigt zum 3.Advent, 12.12.2021

Für alle, die am Gottesdienst nicht teilnehmen können - oder zum Nachlesen:

aus der Johanneskirche die heutige Predigt von Pfarrerin Sabine Schmoly

Predigttext: 1. Korinther 4, 1-5

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse.
Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.
Mir aber ist's ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht.
Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet.
Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und das Trachten der Herzen offenbar machen wird. Dann wird auch einem jeden von Gott Lob zuteilwerden.


Predigt

Liebe Schwestern und Brüder,
die Advents- und Weihnachtszeit ist eine geheimnisvolle Zeit. Geschenke werden heimlich besorgt, Vorbereitungen im Geheimen getroffen, geheime Verstecke reaktiviert. Und v.a. die Kinder wissen alle um das unschätzbare Geheimnis, das ein weihnachtliches Zimmer in sich birgt, mit dem schön geschmückten Weihnachtsbaum, der sich auf geheimnisvolle Weise in einen funkelnden Lichterbaum verwandelt hat. Selten sind Geheimnisse so schön, wie in der Weihnachtszeit. Doch auch das restliche Jahr über begleiten sie uns durchs Leben. Jeder und jede von uns kennt sie wohl, die intimsten und eindrücklichsten Momente unseres Lebens, von denen entweder nur wir alleine wissen, oder die wir mit wenigen ausgewählten Menschen, die uns besonders am Herzen liegen, auf besondere Weise teilen. Und ein solches anvertrautes Geheimnis für sich behalten zu können, ist wohl einer der wertvollsten und wichtigsten Freundschaftsbeweise.

Auch Paulus spricht in unserem heutigen Predigttext von Geheimnissen. Allerdings geht es ihm um Geheimnisse ganz besonderer Art. Er spricht von den Geheimnissen Gottes. Geheimnisse, die zwar wie jedes Geheimnis immer ein Stück unverfügbar, unerklärlich und eben geheimnisvoll bleiben. Die wir aber anders als Alltagsgeheimnisse nicht für uns behalten sollen. Ganz im Gegenteil. Paulus bezeichnet uns Christen und Christinnen sogar als die Haushalter über Gottes Geheimnisse. Und wie jeder Haushalter, sind wir in der Verwaltung dessen, was uns anvertraut wurde, in erster Linie dessen Eigentümer verpflichtet. Darum schreibt Paulus weiter: „Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.“ Treu gegenüber Gott sollen wir alle seine Geheimnisse verwalten und sie mit möglichst vielen Menschen teilen.

Im antiken Korinth, an das Paulus seinen 1. Korintherbrief richtet, in dem unser Predigttext steht, sind die ersten Christen und Christinnen, von allen Seiten von sogenannten Mysterienkulten umgeben. Kleine religiöse Gemeinschaften, die hingebungsvoll einer Gottheit dienen, und die eine Reihe von Mysterien rund um ihren Kult strengstens gehütet nur im innersten Kreis der Eingeweihten weitergeben. Eines solches Mysterium, das griechische Wort für Geheimnis, hat auch unser Gott seinen Anhängern und Anhängerinnen anvertraut. Doch unser Mysterium erschließt sich nicht nur einem exklusiven Kreis eingeweihter Priester und Priesterinnen. Unser Geheimnis soll offen verkündigt werden, an alle Menschen. Unser Geheimnis lebt von der Verkündigung, denn das Geheimnis Gottes ist eben gerade seine Offenbarung an uns Menschen, sein Evangelium für uns. Die Botschaft, dass er selbst, der allmächtige Schöpfergott, Mensch geworden ist, als Mensch zu uns auf die Erde kam, als Mensch gelebt und gelitten hat, wie wir, und gestorben ist wie wir. Um uns kein verborgenes Mysterium zu bleiben, sondern um uns Menschen ganz nahe zu kommen, in allem, was unser Leben bewegt.

Dieses Geheimnis hat Paulus den Korinthern verkündet, als er die dortige Gemeinde gegründet hat. Und nun, als er seinen Brief an die Korinther schreibt, sind rund um diese Botschaft eine Reihe von Streitigkeiten entbrannt. Andere Prediger haben sich in Korinth zu Wort gemeldet, haben sich unterschiedlich über Themen des christlichen Alltagslebens geäußert, haben Paulus Autorität angezweifelt, sich z.B. anders über das Verständnis des Abendmahls geäußert, über das Essen von Fleisch diskutiert, das eigentlich heidnischen Göttern geweiht wurde, sich neu an der Deutung von Tod und Auferstehung Jesu versucht und sich auch über ganz praktische Dinge des Alltags geäußert, wie etwa ein angemessenes Sexualleben. Eigentlich waren sie sich über so ziemlich alles uneinig, was zu einem christlichen Leben dazu gehört. Und jeder von ihnen hat jeweils seine Anhänger gefunden, die seine Sicht der Dinge mit ihm teilten.

Und so steht Paulus plötzlich bei vielen in der Kritik. Er ist rhetorisch schwächer als die anderen, ist ihnen körperlich unterlegen, hat weniger berühmte Fürsprecher und Laudatoren als sie, ist auf seinen Reisen auf Spenden und Almosen seiner Anhänger angewiesen usw. und so fort. Vorwürfe gegen ihn fanden sich offenbar genug und so steht er mit seiner ganzen Person, seiner Profession und Berufung, mit allem, wofür er sein Herzblut einsetzt, im Kreuzfeuer der Kritik.

Aber all das interessiert Paulus eigentlich gar nicht wirklich. Er lässt sich nicht ein auf einen Vergleich mit den anderen Predigern. Es geht ihm nicht darum, wer von ihnen besser redet, mehr Leute anspricht, die Dinge besser erklären kann. All diese Urteile, meint Paulus, sind nur menschliche Urteile. Und damit nicht so wichtig, wie alle glauben. Zwar ist er sich keines Vergehens, keiner Fehler bewusst, das betont er sehr wohl. Doch weiß er auch, dass das nur seine Sicht der Dinge ist und dass die anderen das über sich ebenfalls behaupten werden. Aber wer nun recht hat bzw. wer mehr Leute von sich überzeugen kann, spielt überhaupt keine Rolle. Ein Machtkampf zwischen verschiedenen Predigern und Predigerinnen, ein gegeneinander einsetzen verschiedener Talente und gegeneinander ausspielen verschiedener Anhänger hat noch keiner Gemeinde gut getan – weder damals noch heute. Wichtig ist einzig und allein die Sache, der alle Prediger und Predigerinnen gleichermaßen dienen. Nämlich das Evangelium von Jesus Christus, das große Geheimnis Gottes, dessen Haushalter wir alle sind. Und somit ist das letztlich auch das einzige, meint Paulus, woran Prediger*innen geprüft und beurteilt werden sollen und können – ob sie diesem Evangelium und Geheimnis Gottes treu dienen.

Und nicht nur wir Prediger*innen, nein, jeder einzelne Christ, jede einzelne Christin hat die Aufgabe mit allem Reden und Handeln so viel von diesem Geheimnis Gottes in die Welt hinaus zu tragen, wie wir nur können. Ganz nach dem bekannten Ausspruch von Frère Roger. „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und sei es noch so wenig!“ Aber das tu in aller Treue und Verantwortung, würde Paulus ergänzen.

Und daran, und nur daran, werden wir am Ende alle beurteilt werden. Und zwar von Gott, nicht von den Menschen. Von Gott, der sich nicht blenden lässt von Angeberei und äußerlichem Prunk, von Ansehen vor den Menschen und rhetorischem Gehabe. Von Gott, so Paulus weiter, „der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen“. Denn Gott weiß, wie es in uns aussieht, hinter aller Rhetorik, hinter allen Masken, die wir vor der Welt oft aufsetzen, um gut vor den anderen da zu stehen. Gott weiß, ob und wie wir uns in unserem Leben von seinen Geheimnissen berühren und leiten lassen, unabhängig von unseren bloßen Lippenbekenntnissen.

Das klingt nun zunächst ganz schön erschreckend. Und die Rede von Gott, der am Ende der Zeiten wiederkehren wird und alles verborgene ans Licht bringen wird, ist ja auch eine zutiefst ernste Angelegenheit. Eine ernste Erwartung, der wir uns jedes Jahr im Advent stellen, neben der Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Weihnachtsfestes.

Doch überraschender Weise schreibt Paulus am Ende unseres Predigttextes kein Wort von Gericht und Strafe. Stattdessen schreibt er: „Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.“ Von Gott, nicht von den Menschen, empfangen wir am Ende das Lob, das wirklich zählt. Das Lob dafür, dass wir treue Haushalter und Haushalterinnen über seine Geheimnisse waren.

Aber wie kann Paulus sich da so sicher sein, dass trotz allem Ans-Licht-bringen das Lob im Vordergrund stehen wird? Er nimmt seine tiefe Überzeugung eben gerade aus diesem Geheimnis Gottes heraus, das zu verwalten er als seine und unser aller Lebensaufgabe sieht. Gottes größtes Geheimnis, das wunderbarstes und zugleich unergründlichste aller seiner Geheimnisse, ist sein absolutes und unbedingtes Ja zu uns Menschen – trotz allem Dunkeln, das in unseren Herzen manchmal verborgen ist. Denn das letzte Urteil über mein Leben spricht der Gott, dessen Wesen die Liebe ist. Der Gott, der sich entschieden hat, uns in Jesus Christus auf Augenhöhe zu begegnen. Der Gott, der sich freiwillig als kleines hilfloses Baby in die Krippe legt, um uns nahe sein zu können. Das ist das große Geheimnis Gottes, das wir jedes Jahr im Advent wieder mit unserem Reden, unseren Liedern, unserem Glauben und unserem ganzen Leben verkünden und erwarten dürfen. Und das uns jedes Jahr zu Weihnachten wieder ganz nahe kommt und neu bewusst wird, ohne dass wir es jemals ganz begreifen können. Dass Gott, dem alle Engel dienen, ein Kind wird und ein Knecht – für mich.

Amen